Konzert
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Oratorium „Die letzten Dinge“ (L. Spohr)
Die Worte des Oratoriums „Die letzten Dinge“ von Louis Spohr (1784-1859; Kassel) basieren
im Wesentlichen auf Versen aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes.
Ausgewählt und zusammengestellt ist der Text des Librettos von Friedrich Rochlitz (1769-
1842; Leipzig).
„Die letzten Dinge“, – das sind die Dinge, die die Ewigkeit betreffen. Menschliche Worte aber
und Beschreibungen sind der Zeit unterworfen. Sie haben einen Anfang und ein Ende und
sind als solche ungeeignet oder allenfalls unzulängliche Behelfe, die Ewigkeit darzustellen.
Dessen waren sich Spohr, Rochlitz und der Verfasser der Offenbarung bewusst. Zugleich
verstanden sie, dass solche Worte gemeinsam mit der Musik die einzige menschliche
Möglichkeit sind, eine Ahnung des Ewigen zu vermitteln.
Die „Johannesoffenbarung“ oder auch „Apokalypse des Johannes“ als biblische Grundlage
des Oratoriums beschreibt ein Wechselspiel zwischen himmlischer und irdischer Welt,
zwischen Ewigkeit und Zeit. Die erstgenannte ist vollkommen und unvergänglich, die andere
ist verdorben, begrenzt und den verdienten Strafen des Gerichts unterworfen: Die
Johannesapokalypse nennt Pandemien, Inflation, Hungersnöte, Krieg, Bürgerkrieg,
willkürlich agierende Despoten, Erdbeben, Vulkansaubrüche, Meteoriteneinschläge,
Klimawandel, Umweltkatastrophen, Mutationen, Massenaussterben, unheilbare Krankheiten
usw. Wenn die Geretteten singen: „Gefallen ist Babylon“ (Offbg 14,8; 18,2), blicken sie
gleichsam herab auf das bereits vollzogene Gericht und auf die Vernichtung aller
Schlechtigkeiten und aller Machtstrukturen der irdischen Welt. Da es um ein ewiges Gericht
geht, ist „Babylon“ eine alle Zeiten übergreifende Chiffre für alle Weltmächte aller Epochen.
Dabei ist es irrelevant, ob es sich um das babylonische Reich in alttestamentlicher Zeit, das
römische Reich zur Zeit der Niederschrift der Johannesoffenbarung oder das Deutsche Reich
(„das Tausendjährige Reich“ ist ein Begriff der Johannesoffenbarung; Offbg 20,2-7) oder um
die aktuellen und alle zukünftigen Mächte der Erde handelt.
Die Offenbarung des Johannes beschreibt in grausamen Details das Strafgericht, das die
Menschheit und die irdische Welt heimsucht. Kaum ein Element moderner Fantasy und
Horror Literatur oder Science-Fiction, das in der Apokalypse nicht bereits vorgezeichnet
wäre.
Da das Gericht vollzogen und mit den Widersachern Gottes auch der Tod vernichtet ist
(Offbg 21,4), vermag niemand mehr zu sterben. Die Verurteilten suchen in ihrer Qual den
Tod und finden ihn nicht (Offbg 9,6) – in Ewigkeit. Der Ablauf des Gerichts selbst und die
Schilderung der einzelnen Katastrophen und Strafen sind im Oratorium weitgehend
ausgespart. Sein Schwerpunkt liegt auf der Darstellung des himmlischen Reiches, das
bestimmt ist von einem niemals endenden Gottesdienst. Die Akteure des Gottesdienstes sind
Engel, vier Wesen, 24 Älteste und die übrige himmlische Gemeinschaft samt den geretteten
Gläubigen. Sie singen und musizieren vor dem Thron Gottes und vor Christus, dem
geschlachteten Lamm, das sie erlöst hat.
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Die besungenen letzten Dinge sind zugleich die ersten Dinge. Denn wären die letzten Dinge
das Ergebnis einer Entwicklung, wären sie der Zeit unterworfen und gehörten nicht in Gottes
ewiges Reich. Der, der da ist, und der da war und der da kommt, ist der, der immer schon
war, und der immer kommen wird.
Gott und sein Reich sind prä-existent, d. h. als Gott die Welt ins Sein rief, waren er und die
Angehörigen seines Reiches längst da. Würde Gott nur existieren, wäre er Raum und Zeit
unterworfen. Der Schöpfer wäre damit Teil der vergänglichen Schöpfung. Ein Gott, der
existiert und nichts mehr, wäre ein beschränkter und kein glaubwürdiger Gott.
Aus der Perspektive der Ewigkeit gibt es kein Davor oder Danach. Vor Gott ist jeder
Zeitpunkt und jeder einzelne Ort sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft in einem
einzigen Augenblick gegenwärtig. Gott hat keine Zeit; er erschafft sie und herrscht über die
Zeit, ohne selbst durch sie bestimmt zu sein. Ewigkeit, verstanden als unendliche Zeit, ist eine
naive Vorstellung. Ewigkeit ist kategorial gänzlich anders als Zeit. Ewigkeit ist weder zeitlich
noch räumlich abgegrenzt. Sie beginnt nicht und endet nicht. Eine Dimension, in die ein
Geretteter erst nach seinem Tod hineinkommt, hätte einen Anfang, – sie wäre in eine Richtung
begrenzt, sie wäre keine Ewigkeit; „halbe Ewigkeiten“ sind ein Widerspruch in sich. Das
bedeutet, auch die aktuell lebenden Gläubigen haben schon immer Anteil an der Ewigkeit und
werden immer Teil der Ewigkeit sein. Wer im himmlischen Gottesdienst und das heißt, wer in
der Ewigkeit mitsingt, hat bereits vor der Erschaffung der Welt mitgesungen.
Gott sieht nicht nur jedes einzelne Element in jeder Phase seiner Entwicklung zu jeder Zeit
und von allen Seiten und von innen zugleich. Er hört es nicht nur und fühlt und schmeckt und
riecht es nicht allein, sondern er nimmt es darüber hinaus mit allen dem irdischen Fühlen und
der menschlichen Vorstellung verborgenen göttlichen Sinnen wahr und macht es dadurch erst
wahr.
Niemand vermag aufgrund eigener Anstrengungen in das Reich Gottes zu kommen. Die
Bedingungen zum Erlangen des Heils sind unerfüllbar. Denn sie sind längst erfüllt. Wer dem
Reich Gottes angehört, blickt auf das Gericht als Begnadete und Begnadigter. Weil das
Gericht durch Gott vollzogen ist, ist es nicht Aufgabe gegenwärtiger Menschen über die
Zugehörigkeit anderer zum Reich Gottes zu urteilen. Sehr wohl aber ist es göttlicher Auftrag,
jeden einzelnen Menschen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als (potentiellen) Mit-
Angehörigen der Ewigkeit zu betrachten und ihm entsprechend zu begegnen.
Wer in der Gewissheit der Teilhabe am ewigen Reich Gottes über die letzten Dinge singt, der
hat im Akt des Singens das, was er besingt und partizipiert an der Ewigkeit. Desgleichen alle,
die sich als Musizierende und Zuhörende hineingenommen wissen in das ewige und
himmlische Reich. Wer im Lobpreis Gottes seine Stimme erhebt, ist erhoben in das
himmlische Reich und ist bereits – und das seit Ewigkeit – Bewohner der Stadt Gottes und
des Neuen Jerusalems (Offbg 3,12; 21,2.10).
K.-H. Ostmeyer